Jeder kennt sie – den Esel, den Hund, die Katze und den Hahn, die gemeinsam ein neues Leben beginnen wollen. Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Erzählungen der Brüder Grimm. Doch kaum jemand weiß, dass der Ursprung der Bremer Stadtmusikanten im Schwanenkrug in Boke zu finden ist.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren wirtschaftliche Not und Landflucht weit verbreitet – auch im Delbrücker Land. Viele Menschen suchten bessere Lebensbedingungen, häufig verbunden mit der Hoffnung auf Auswanderung. Bremen wurde dabei zunehmend zum Ausgangspunkt. Der Schwanenkrug war im 19. Jahrhundert als ein Gasthaus bekannt, wo man sich Märchen und Sagen erzählte, so auch das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten.
In einer stürmischen Winternacht hat August von Haxthausen das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten im Schwanenkrug in Boke gehört, so die überlieferte Darstellung der Familie von Haxthausen. August von Haxthausen war auf dem Weg von Schloß Bökerhof in Brakel-Bökendorf zu seiner Schwester Therese-Louise Freifrau Droste zu Hülshoff, der Mutter von Jenny und Annette von Droste Hülshoff. Die Familien von Haxthausen und Droste Hülshoff bildeten den Kern des „Bökendorfer Romantikerkreises“, den sie Anfang des 19. Jahrhunderts gründeten.
Jacob und Wilhelm Grimm, die 1806 mit ihrer Märchensammlung begannen, pflegten enge freundschaftliche Beziehungen zur Familie von Haxthausen. Mehr als ein Viertel der Grimm’schen Märchen stammen aus dem ‘Paderbörnischen‘, insbesondere aus dem Umfeld von August von Haxthausen, der den weitaus größten Teil der Erzählungen an die Brüder Grimm weitergegeben hat.
Das Märchen der Bremer Stadtmusikanten wird er den Brüdern Grimm in der Zeit von 1812 bis 1819 zugetragen haben und es findet sich erstmals in deren zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen von 1819 wieder. Im Jahr 1825 findet es Einzug in die “Kleine Ausgabe“ der Kinder- und Hausmärchen, die 50 ausgewählte Märchen enthielt und den Durchbruch zum Bestseller darstellt. Das Märchen der Bremer Stadtmusikanten hat längst seinen festen Platz in der Weltliteratur. Seine Botschaft ist zeitlos und längst zu einem Symbol geworden – für den Mut zum Neuanfang, für die Hoffnung und die Kraft, gemeinsam die größten Herausforderungen zu bestehen.
Brand-Kruth, Auf nach Bremen – Den Stadtmusikanten auf der Spur, 2. vollst. überarb. Auflage, Bremen 2021 / Kircher Nora, Kircher, Bertram, … und sie machten sich auf den Weg nach Bremen, Geschichte und Geschichten von den Bremer Stadtmusikanten, Bremen 1990 / Kößmeier, Bernhard, Märchenerzähler im Boker Schwanenkrug – Die Bremer Stadtmusikanten und die Auswanderer aus dem Paderborner Land nach Amerika, in: damals und heute 2/2015, Informationen zu Geschichte, Natur und Heimatpflege aus Delbrück, Nr. 31, S. 1-4 / Rölleke, Heinz, Schindehütte Albert, Es war einmal … - Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte, Frankfurt am Main 201/ Seitz, Gabriele, Die Brüder Grimm, Leben - Werk - Zeit. Winkler Verlag, München 1984
Ein Mann hatte einen Esel, der schon lange Jahre unverdrossen die Säcke zur Mühle getragen hatte. Aber seine Kräfte waren zu Ende gegangen, so daß er zur Arbeit nicht mehr taugte. Da wollte ihn der Herr aus dem Futter schaffen; aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen: dort, meinte er, könnte er Stadtmusikant werden.
Auf dem Weg traf er einen Jagdhund, der jämmerlich heulte. »Was heulst du so, Packan?« fragte der Esel. »Ach«, sagte der Hund, »weil ich alt bin und täglich schwächer werde, kann ich zur Jagd nicht mehr fort, mein Herr hat mich schlagen wollen, da hab ich Reißaus genommen. Aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?« – »Weißt du was«, sagte der Esel, »ich gehe nach Bremen und werde Stadtmusikant, geh mit und mach auch Musik. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauke.« Der Hund war zufrieden und ging mit.
Nicht lange, so saßen sie vor einer Katze, die ein Gesicht machte wie drei Tage Regenwetter. »Was sitzt dir denn so im Gesicht, alter Bartputzer?« sagte der Esel. »Wer kann da lustig sein, wenn’s einem an den Kragen geht«, antwortete die Katze, »weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen jage, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich hab mich fortgemacht. Aber nun ist guter Rat teuer, wo soll ich hin?« »Geh mit uns nach Bremen, du verstehst doch nächtliche Musik, da kannst du Stadtmusikantin werden.«
Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei an einen Hof, da saß der Haushahn auf dem Tor und schrie aus Leibeskräften. »Du schreist einem durch Mark und Bein«, sagte der Esel, »was hast du vor?« – »Da hab ich gut Wetter prophezeit«, sprach der Hahn, »weil unsere Frau morgen Gäste hat, hat sie der Köchin gesagt, sie wollte mich in der Suppe essen, da soll mir heut Abend der Kopf ab. Nun schrei ich, solange ich noch kann.« –
»Ei was, du Rotkopf«, sagte der Esel, »zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, wird es eine Art haben.« Der Hahn ließ sich das gefallen, und sie zogen alle vier zusammen fort. Sie konnten aber die Stadt Bremen an einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze kletterte hinauf, und der Hahn flog in die Spitze, wo es am sichersten für ihn war.
Ehe er einschlief, schaute er sich noch einmal nach allen vier Winden um. Da deuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Licht brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müsse nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Der Esel sagte: »So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.« Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten ihm auch gut. Sie machten sich also auf den Weg nach dem Ort, wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern und größer werden, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen.
Der Esel, als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. »Was siehst du, Grauschimmel?« fragte der Hahn. »Was ich sehe?«, antwortete der Esel, »einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen sich’s wohl sein.« – »Das wäre was für uns«, sprach der Hahn. »Ja, ja, ach wär ich da!« sagte der Esel. Die Tiere berieten, wie sie die Räuber vertreiben könnten. Endlich fanden sie ein Mittel.
Der Esel stellte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster, der Hund sprang auf des Esels Rücken, die Katze kletterte auf den Hund, und der Hahn flog hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Als das geschehen war, fingen sie auf ein gegebenes Zeichen an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte. Darauf stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, daß die Scheiben klirrten.
Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten, ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in den Wald. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit, was übrig war, und lebten sich, als hätten sie vier Wochen gehungert.
Als die vier Musikanten fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich einen Schlafplatz, ein jeder nach seiner Natur und wie es ihm gefiel. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd beim warmen Aschenplatz, der Hahn setzte sich auf die Hahnenstange.
Und weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber sahen, daß kein Licht mehr im Haus war und alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: »Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen«, und schickte einen hin, das Haus zu untersuchen. Der fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und wollte sich ein wenig Licht machen. Da sah er die glühenden funkelnden Augen der Katze und meinte, es seien Kohlen, und hielt ein Schwefelholz daran, daß es Feuer fangen sollte.
Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht und kratzte und biss. Da erschrak er gewaltig, lief hinaus zur Hintertür. Der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihn ins Bein. Und als er über den Hof am Mist vorbeilief, gab ihm der Esel einen tüchtigen Hieb mit dem Hinterfuß. Der Hahn aber, der vom Lärm aufgewacht war, rief von oben herunter: »Kikeriki!« Da lief der Räuber, was er konnte, zurück zu seinem Hauptmann und sprach:
»Ach, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt; vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen; auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mich mit einem Knüppel geschlagen; und oben auf dem Dache sitzt der Richter, der rief: ›Bringt mir den Schelm her!‹ Da machte ich, daß ich fortkam.« Von der Zeit an getrauten sich die Räuber nicht mehr in das Haus. Den vier Bremer Musikanten gefiel’s aber so wohl darin, daß sie nicht wieder hinaus wollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.
Brüder Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten. In: Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe letzter Hand, 1857 (gemeinfrei)
Online verfügbar bei
https://de.wikisource.org/wiki/Die_Bremer_Stadtmusikanten_(1857)
Die Herkunft des Märchens der „Bremer Stadtmusikanten“ aus Delbrück-Boke sichtbar, hörbar und erlebbar machen - so lautet der Titel des Projekts des Heimatvereins Boke. Im Jahr 2025 bildete sich unter der Leitung von Paul Bentler eine Gruppe mit Ricarda Steiling, Nicole Ottensmeier, Bernd Göstenkors, Bernhard Kößmeier und Hans Wieners, die das Projekt plante. Mit Unterstützung von vielen Helferinnen und Helfern wurde das Projekt mit Unterstützung von Leaderregion Lippe - Möhnesee umgesetzt.
links: Postkarte vom Schwanenkurg in Boke
Mitte: Portrait von August von Haxthausen des Künstlers Ludwig Emil Grimm (Städtische Museen Hanau)
rechts: Wilhelm und Jacob Grimm, Lithographie von Franz Hanfstaengl nach Radierung von Ludwig Emil Grimm 1829 (Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Marburg, Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung, Foto: Siegfried Becker)
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