20.07.2026
Im Juni hat sich die Geschichts AG des Städtischen Gymnasiums Delbrück auf eine historische Spurensuche mit Martin Kolek begeben. Als Kooperationsschule der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne in Schloß Holte-Stukenbrock nimmt die AG an dem Projekt „Memory Maker“ teil, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Schicksal von Kriegsgefangenen sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in den Jahren 1939 bis 1945 zu erkunden – ein anspruchsvolles Thema aus dem wohl dunkelsten Kapitel unserer Geschichte.
Es geht also um das Erinnern. Damit kennt Martin Kolek sich bestens aus. Für sein Buch „Vergessen? Polnische und sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene im Raum Delbrück 1939 -1945“ befasste er sich über 4 Jahre lang intensiv mit der Thematik. Er hat vor allem Zeitzeugen befragt, Literatur gewälzt und – wie er sagt – einen Großteil seiner Freizeit in Archiven verbracht, u.a. auch im Delbrücker Stadtarchiv, aber dazu später mehr.
Stationen im Delbrücker Stadtbild
Die historische Stadtführung begann an der Ladestraße in unmittelbarer Nähe des Gymnasiums. Martin Kolek nahm sich viel Zeit, er berichtete über die Zeit vor 1933 und über die alte Bahntrasse zwischen Rheda-Wiedenbrück und Sennelager. Wir gehen weiter, entdeckten noch alte Häuser aus der Zeit und erreichen das alte Schulgebäude in der Marktstraße. Durch die persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen wurde die Geschichte dieses Ortes lebendig und ging allen Beteiligten spürbar unter die Haut. Orte, an denen man achtlos vorbeifährt, erschienen plötzlich in einem völlig neuen Licht.
Wir gehen weiter und Herr Kolek erklärt an ausgewählten Stellen im Stadtbild und basierend auf seinen Befragungen von Zeitzeugen, was zwischen 1933 und 1945 hier geschehen ist, welche Gebäude dort einst standen und was sich bis heute verändert oder erhalten hat.
„Das habe ich nicht gewusst.“, dachten in diesen Momenten wohl alle. Erinnern heißt schließlich auch, Fragen zu stellen: Was genau ist geschehen? Warum wurden z.B. Straßennamen geändert?
Vor allem aber ging es bei diesem Rundgang um das konkrete Leben und das oft tragische Schicksal der sowjetischen und polnischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Delbrück und seinen Ortsteilen. Wie haben sie dort gelebt? Was mussten sie ertragen bzw. erleiden? Wie ist die Bevölkerung in Delbrück mit ihnen umgegangen und gab es auch nach 1945 noch Kontakte?
Zwischen Widerstand und Gedenken
Auf dem Kirchplatz erklärt Martin Kolek, dass sich die Katholische Kirche und die Delbrücker Bevölkerung lange der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus entzogen haben, auch noch nach 1933.
Eine Fronleichnamsprozession in den Dörfern, die Karfreitagsprozession in Delbrück oder aber auch der regelmäßige Besuch der Heiligen Messe am Sonntag waren den Nationalsozialisten ebenso ein Dorn im Auge wie das Läuten der Kirchenglocke.
Schließlich erreichen wir den Friedhof in Delbrück. Hier ruhen 17 Männer und zwei Frauen - ehemalige Zwangsarbeitende - und ein Grabstein mit kyrillischen Buchstaben benennt einen „unbekannten russischen Soldaten“. Die jüngsten waren gerade 21 Jahre alt. „Den Opfern gebührt Erinnerung und Würde“ mahnt die Aufschrift auf einem Gedenkstein, der 2013 auf Antrag der Initiative ´Erinnerungskultur Delbrück´ aufgestellt wurde.
Um ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen, entzündeten die Schülerinnen und Schüler an jedem Grabstein eine Kerze, während Martin Kolek die Namen der Verstorbenen verlas. In diesen Momenten der Trauer und der Sprachlosigkeit wuchs bei allen die Erkenntnis, wie wichtig ein solcher Erinnerungsort für Delbrück ist. Die Stadt leistet damit einen unschätzbaren Beitrag zur regionalen Erinnerungskultur.
Geschichte begreifen im Stadtarchiv
Da Erinnern aber auch fundierte Recherche voraussetzt, führt der letzte Weg der Gruppe in das Stadtarchiv in der Marktstraße. Dort wurden die Teilnehmenden von Frau Nicole Fornefeld und Herrn Thorsten Schlichting empfangen und durch das Gebäude geführt. Die alte Schule war Schulort der Zeitzeugen, die vor 15 Jahren befragt wurden, die Kellerräume wurden später u.a. als Luftschutzräume benutzt und bargen später die Akten des Stadtarchivs. An genau diesem Ort hat Martin Kolek für sein Buch stundenlang Akten studiert. Auch die Schülerinnen und Schüler vertieften sich sofort in die bereitgestellten historischen Quellen und Dokumente. Auf diese Weise wurde Geschichte für sie direkt greifbar und nahbar.
Der Besuch zeigte eindringlich, wie wertvoll eine Institution wie das Stadtarchiv für Delbrück ist – und wie erfolgreich und ergiebig eine lokale Spurensuche sein kann.
Ein eindrucksvoller Tag, der gezeigt hat, dass Geschichte nicht nur in Lehrbüchern stattfindet, sondern direkt vor unserer eigenen Haustür.
Text und Foto von Martin Kolek und den Lehrern des Gymnasiums Herrn Hardes und Frau Neubeck
Besucheradresse
Stadt Delbrück
Kleine Straße
33129 Delbrück
Tel. 05250 996-0
nfdlbrckd
Kontaktformular
Postadresse
Stadt Delbrück
Himmelreichallee 20
33129 Delbrück
Montag – Freitag
08:30 – 12:30 Uhr
Montag - Mittwoch
14:00 – 16:30 Uhr
Donnerstag
14:00 – 18:00 Uhr